Der Fallschirmsport hat sich in den letzten Jahren stark entwickelt. Schon lange beschränkt er sich nicht mehr darauf, einfach nur auf dem Bauch in Richtung Boden zu fallen. Neben dem klassischen Formationsspringen haben sich im Laufe der Zeit einige neue Disziplinen entwickelt. Auf dieser Seite möchte ich Dir die einige Fallschirmsportsdisziplinen vorstellen. Eins ist sicher: Beim Fallschirmspringen wird es nie langweilig!

Relative Work (Formationsspringen)

RWRelative Work (RW) oder auch Formationsspringen ist eine der klassischen Disziplinen im Fallschirmspringen. Neben dem Zielspringen gehört RW zu den Grunddisziplinen des Fallschirmsports und auch zu den bekanntesten. Alles begann im Jahr 1958, als den beiden Fallschirmpionieren Charlie Hillard und Steve Snyder die erste Übergabe eines Stabes im freien Fall gelang. Nach diesem Erfolgserlebnis wurde die Weiterentwicklung der Disziplin von einigen Pionieren fortgeführt. Am 17. Oktober 1965 gelang dann der erste Acht-Mann-Stern über dem Flugplatz von Arvin (Kalifornien). Mittlerweile wurden schon Formationen mit 400 Personen geflogen (beim Weltrekord in Thailand 2006), und es gibt zahlreiche nationale und internationale Wettkämpfe.

Dass diese Disziplin heute so erfolgreich ist, hat man den Fallschirmpionieren der 60er- und 70er Jahre zu verdanken. Damals ging man nach dem Motto „Studieren geht über Probieren“ vor. Es gab keinen, der erklären konnte, wie man ein bestimmtes Manöver fliegt. Da das Fallschirmspringen früher hauptsächlich für militärische Zwecke ausgeübt wurde, gab es damals kaum jemanden, der sich eingehender mit Manövern im freien Fall beschäftigt hat. Auch gab es kein Internet und nur wenige Videos, die einem gezeigt hätten, wie es funktioniert. Bis in die 80er hat man einfach ausprobiert, was geht. Zwar wurden unter der Hand ab und zu heiße Tipps gegeben, aber eine richtige theoretische Basis für das Formationsspringen gab es nicht.

Im Jahr 1991 entwickelten dann mehrere erfahrene Formationsspringer verschiedene Ausbildungssysteme. Das bekannteste ist wohl das WARP-System des Engländers Steve Reynolds. WARP steht für „world-wide-approved relative work progression“ und heißt soviel wie „weltweit anerkanntes Ausbildungsprogram für Formationsspringer“. Das WARP-System besteht ähnlich der AFF-Ausbildung aus zehn verschiedenen Levels mit verschiedenen Lernzielen. Insgesamt 10 Sprünge sollen den angehen RW-Springer auf das Formationsspringen vorbereiten. Los geht es dabei mit einem 2-Way (2-way = 2 Personen, Fallschirmspringerjargon)-Sprung zwischen Schüler und Lehrer. Mit Verbesserung der Fähigkeiten steigt dann auch die Anzahl der teilnehmenden Personen. Bei Level 10, dem Abschlusssprung der Ausbildung, ist es das Ziel, einen 4er Stern zu fliegen.

Meiner Meinung nach sollte jeder Springer in der Lage sein, auf dem Bauch sicher andere Personen anzufliegen. Diese „Boxman“-Position ist nicht nur die Standard-Flughaltung beim Fallschirmspringen, sondern auch die Postion, in der man am Ende dann den Fallschirm öffnet. Wer hier unstabil durch die Gegend eiert, riskiert eine Fehlöffnung des Fallschirms.

 

Freefly

Freefly GroupWenn RW klassische Musik ist, ist Freefly Punk-Rock. Beim Freefly gibt es keine Regeln! Hier wird geflogen, was das Zeug hält! Egal ob mit dem Kopf nach unten oder nach oben, auf dem Rücken oder auf dem Bauch, beim Freefly geht es einfach nur darum, gemeinsam durch den Himmel zu fliegen. Besonders beliebt ist es, mit den Füßen nach unten (Sit-Fly/Stand-Up) oder mit dem Kopf nach unten zu fliegen (Headdown). Durch das Fliegen in verschiedenen Positionen sind die Sportler in der Lage, dreidimensional zu fliegen. Wer auf dem Kopf fliegt, hat weniger Luftwiderstand als ein Bauchfaller. Deshalb werden beim Freefly höhere Fallgeschwindigkeiten erreicht als beim RW. Üblich sind 250 km/h bis 300 km/h in Richtung Erde. Daher wird für erfolgreiches und sicheres Freeflying Sprungerfahrung vorausgesetzt. Außerdem gibt es einige besonders Sicherheitsaspekte zu beachten.

Das Freeflying ist eine noch recht junge Disziplin des Fallschirmsports. Lange Zeit galt es als unmöglich, in einer anderen Position als der Boxman-Position zu fallen. Doch Probieren geht über Studieren, und nach einiger Zeit fand man heraus, dass das Fliegen mit dem Kopf nach unten erstens funktioniert und zusätzlich auch noch eine Menge Spaß macht. Als „Vater des Freeflying“ gilt der deutsche Olav Zipser. Er er war in den 90er Jahren einer der ersten Pioniere, der mit alternativen Körperpositionen experimentiert hat. Natürlich war er nicht allein, aber für viele und vor allem für uns Deutsche ist er einer der wichtigsten Vertreter dieser Disziplin. Ich durfte einmal mit ihm trainieren – ein prägendes Erlebnis!

Skydive HeaddownDas Freeflying erfreut sich heute immer größerer Beliebtheit. Während klassische Disziplinen wie RW und Zielspringen mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen haben, finden neue Trends wie Freeflying und Wingsuit immer mehr Anhänger. Mittlerweile gibt es sehr große internationale Wettkämpfe, die nach internationalen Regeln durchgeführt werden. Während das Freeflying in der Anfangsphase eher experimentellen Charakter hatte, gibt es heute zahlreiche Profis, die mit unglaublicher Präzision die verrücktesten Figuren fliegen.

Persönlich gehören Freeflying und Wingsuiting zu meinen Hauptdisziplinen. Das Tolle beim Freeflying ist die Freiheit beim Fliegen und die Verspieltheit, mit der die Sprünge vonstatten gehen. Wenig macht mehr Spaß, als gemeinsam mit Freunden durch um die Wolken zu carven. Wer Freefly lernen möchte, sollte mindestens 50-100 Sprünge absolviert haben und sich sicher auf dem Bauch bewegen können. Unabdingbar ist die Inanspruchnahme eines Coachs, der einem die Grundregeln und Techniken des Freeflyings erklärt. Der Sicherheitaspekt sollte beim Fallschirmspringen immer im Vordergrund stehen, deshalb sollte man neue Dinge grundsätzlich nur nach Rücksprache mit erfahrenen Springern durchführen.

Zielspringen

zielsprunglandungDas Zielspringen gehört zu den traditionellen Disziplinen des Fallschirmsports. Vor allem im militärischen Bereich hat es natürlich auch heute noch eine sehr große Bedeutung. Beim Zielspringen wird eine der elementaren Fähigkeiten des Fallschirmsports perfektioniert – das sichere Landen mit dem Fallschirm auf einem vorbestimmten Punkt. Schon zu Zeiten, als Fallschirmspringer ausschließlich mit Rundkappen flogen, war es das Größte, exakt dort zu landen, wo man landen wollte (das ist heute auch immer noch ziemlich cool!). Doch erst die Erfindung des rechteckigen Flächenfallschirms ermöglichte präzise Landungen auf den Zentimeter genau. Beim Zielspringen wird häufig ein großer, eher träger Fallschirm genutzt. Dieser ermöglicht nämlich auch noch in vergleichsweise niedriger Höhe Richtungsänderungen unter dem Fallschirm (je kleiner ein Fallschirm, desto schneller und sensibler ist dieser).

Um beim Zielspringen erfolgreich zu sein, benötigt es viel Erfahrung und ein gutes Auge. Je nach Wind und Thermik erfordert jeder Anflug eine individuellen und präszisen Plan, der aber oft noch während des Sprungs angepasst werden muss. Auch wenn einige Springer diese Disziplin langweilig finden mögen –  hier werden äußerst wichtige und elementare Springerfertigkeiten geübt. Ein Großteil der Unfälle passiert unter dem perfekt geöffneten Fallschirm – deshalb ist es besonders wichtig, diesen gut zu beherrschen.

 

Wingsuiting

Das Wingsuiting ist mittlerweile wahrscheinlich die bekannteste Disziplin des Fallschirmsports. Kein Wunder – immerhin kann man sich hier den Traum vom Fliegen erfüllen. Schon vor Jahrhunderten versuchten die Menschen, mithilfe von Flügelanzügen abzuheben und zu fliegen. Die Erfindung der Wingsuit macht dies fast möglich: das mit dem Abheben funktioniert zwar noch nicht – aber mit 200km/h Vorwärtsgeschwindigkeit durch den Himmel zu düsen macht schon ziemlich viel Laune! In diesem Moment fühlt man sich fast wie ein Vogel – vielleicht aber auch eher wie eine F22, allerdings im Gleitflug ohne Antrieb …

Eine Wingsuit ist ein spezieller Anzug mit Flügeln zwischen Armen und Beinen. Anders als man vielleicht im ersten Moment denkt, handelt es sich hierbei nicht einfach nur um etwas Stoff. Moderne Wingsuits bestehen mittlerweile aus mehr als 300 Teilen und sind hochkomplexe Strukturen. Spezielle Lufteinlässe in den Flügeln sorgen für Flugzeug-ähnliche Tragflächen zwischen Armen und Beinen. Durch die Wingsuit wird der Fallschirmspringer zum Gleiter und kann durch gezielte Veränderung der Körperposition sehr präzise steuern. Da Wingsuits eine Menge Lift (Auftrieb) erzeugen, sind vertikale Fallgeschwindigkeiten von unter 40km/h möglich, bei Vorwärtsgeschwindigkeiten von 200 km/h und mehr. Dadurch ist es dem Springer möglich, bei einem Standard-Sprung aus 4000m länger als zwei Minuten in der Luft zu bleiben.

Wenn ich gemeinsam mit meinen Freunden aus dem Flieger springe, so kommen wir meist auf 2,5-3 Minuten Flugzeit und überwinden dabei zum Teil Distanzen von mehr als acht Kilometern! Moderne Wingsuits sind im Vergleich zu den ersten Modellen extrem leistungsfähig, und ich erwarte in den nächsten Jahren keine Verlangsamung des Fortschritts.

Doch wie fing eigentlich alles an?

Abgesehen von mittelalterlichen Versuchen des Fliegens kann man den Beginn der Forschungen an einem modernen Flügelanzug auf die 30er Jahre datieren. Einer der ersten Vertreter des menschlichen Vogelflugs war der Franzose Léo Valentin – Spitzname „Birdman“. Er entwickelte einen aus heutiger Sicht ziemlich abgefahrenen Flügelanzug aus alten Holzplatten und stürzte sich damit immer wieder aus dem Flugzeug. Da damals auch die normale Fallschirmtechnik noch nicht sehr weit entwickelt war, waren diese Sprünge natürlich äußerst gefährlich.

Rund 70 Pioniere opferten in den letzten 80 Jahren ihr Leben auf der Suche nach dem ersten richtigen Flügelanzug. Leider starb auch Léo Valentin später an seinen Versuchen: sein Hauptfallschirm verwickelte sich mit der Flügelkonstruktion – eine der häufigsten Todesursachen bei den frühen Wingsuit-Pionieren. Einige starben auch, weil sie versuchten, komplett ohne Fallschirm zu landen. Auch heute noch eine impraktikable Lösung (außer man hat sehr. sehr viele Pappkartons wie Gary Connery).

Einen Lichtblick brachte der Wingsuit des Französen Patrick de Gayardon. Er bestand komplett aus Stoff, wobei das Flügelprofil nur durch den Luftwiderstand erzeugt wurde.

Die erste kommerzielle Produktion von Wingsuits begann im Juni 1999. Der Finne Jari Kousma und der Kroate Robert Pecnik starteten den Versuch, einen Wingsuit für den Alltag zu bauen. Das Ziel war es, einen Flügelanzug zu bauen, der auch für normale Springer nutzbar ist. Aus dieser Kooperation entstand die Firma „Birdman“ mit dem gleichnamigen Wingsuit-Modell. Die „Birdman“-Suit war die erste kommerziell erhältliche Wingsuit, die ausreichende Sicherheit und Performance bot. Recht schnell verbreiteten sich die Anzüge in der Springerszene. Einige Zeit später kam es jedoch zum Streit zwischen Jari und Robert. Robert Pecnik verließ das Unternehmen und gründete seine eigene Wingsuit-Firma namens „Phoenix-Fly“. Aufgrund mangelnder Innovationskraft musste Birdman die Produktion einstellen, während Phoenix-Fly heute gemeinsam mit Tony Wingsuits zu den Marktführern gehört. Ich selber fliege eine Phoenix-Fly „Vampire 4“ Wingsuit. Die Gründer der Unternehmen sind heute aktiver im Sport denn je – vor allem Robert Pecnik und Tony Uragallo.

Auch das Wingsuit-Fliegen erfordert Fallschirm-Erfahrung. Mindestens 200 Sprünge sollte man schon absolviert haben, bevor man einen First-Flight-Kurs bei einem zertifizierten Instruktor macht. Dies ist die Mindestgrenze für das Springen aus dem Flugzeug, nicht für Basejumps. Dies wird gerne verwechselt, dazwischen liegen aber Welten. Es ist ein riesiger Unterschied, aus dem Flugzeug zu springen und allein gradeaus zu fliegen oder halt präzise Manöver mit Anderen (geschweige denn nur wenige Meter von einer Felswand entfernt!).

Während das Erlernen des Fliegens für einen erfahrenen Fallschirmspringer noch vergleichsweise einfach ist, so braucht vor allem die Verbesserung der Präzision viele Trainingssprünge. Hier sollte man es langsam angehen lassen und vor allem stets auf die erfahrenen Springer/Lehrer hören. Wingsuiting ist eine tolle Sache und kann unglaublich viel Spaß machen. Man sollte sich aber nicht der Illusion hingeben, dass man diese Fallschirmdisziplin innerhalb eines Wochenendes lernen kann. Die Leute, die in den Youtube-Videos zu sehen sind, gehören in der Regel zu den Erfahrensten, z.B. Menschen wie Robert Pecnik. Robert Pecnik, Gründer von Phoenix-Fly, ist einer der aktivsten Wingsuit-Basejumper in heutigen Tagen und springt schon seit über 30 Jahren Fallschirm und seit über 15 Jahren Base. Trotzdem gibt es auch bei den Profis immer wieder tödlich Unfälle. Hieran sieht man, welches Skillset, wieviel Erfahrung und Training hinter den spektakulären Videos steht.

Das Wingsuiting bringt einige spezifische Risiken mit sich. Wer mit dieser Disziplin liebäugelt, sollte sich in der Luft bereits sehr wohl fühlen und sehr sicher bewegen können. Wer die Mindestsprungzahl erreicht und ausreichend Talent hat, dem steht die Tür in diese Disziplin offen! Wingsuiting ist kein Hexenwerk, aber auch kein Kindergarten. Wichtig ist, immer mit einem Instruktor zu arbeiten und sich stets an die Sicherheitsregeln zu halten. Dann wird man sehr viel Spaß haben und schöne Dinge erleben! Die Fallschirmspringer-Szene ist klein. Notorische Regelbrecher müssen mit Ächtung und/oder Verbannung rechnen, denn grundsätzlich nimmt man alles, was dem Sport schadet, sehr persönlich. Wer grob fahrlässig handelt, darf später nicht mit all zuviel Mitleid rechnen, denn dadurch gefährdet man nicht nur sich, sondern vor allem auch andere und den Ruf des Sports insgesamt.

„Slow down…take it easy“

Freestyle

Freestyle könnte man ruhig als Vorgänger des Freeflyings bezeichnen. Beim Stilspringen/Freestyle werden teils dem Ballett ähnliche Figuren im freien Fall durchgeführt. Normalerweise springen Stilspringer im 2er-Team. Dieses besteht aus einem Artisten, der die Figuren fliegt, und einem Kameramann, der den Sprung auf Video aufnimmt und durch sein eigenes Flugverhalten die Künste des Performers unterstreicht. Auch beim Freestyle werden durch die meist vertikale Körperposition sehr hohe Geschwindigkeiten erreicht. Besonders herausfordernd sind dabei die schnellen Geschwindigkeitswechsel.

Kappenformation (Canopy Relative Work)

Kappenformations-Flug ist eine traditionelle Disziplin des Fallschirmsports und auch eine besonders nervenaufreibende. In dieser Disziplin fliegen die Fallschirmspringer unter geöffneten Fallschirm in nächster Nähe und berühren sich sogar. Es ist sogar üblich, sich während der Schirmfahrt auf den Fallschirm des unten fliegenden Kollegen zu setzen. Dies nennt man dann „stacken“.